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SoccerDoc
Sep 06, 2021

Leistenbeschwerden bei Fußballspielern: Weniger Risiko durch ein einfaches Übungsprogramm

Wer diesen Sommer die Europameisterschaft Fußball gesehen hat, wird mehrere Leistenverletzungen festgestellt haben. Donny van de Beek musste während der Vorbereitung aussetzen und Mathijs de Ligt konnte das erste Spiel gegen die Ukraine nicht bestreiten. Auch bei den südlichen Nachbarn Belgien gab es mehrere Problemfälle. Eden Hazard hat sich im Eröffnungsspiel der Roten Teufel (erneut) eine Verletzung an der Leiste zugezogen. 
Dass Leistenverletzungen im Fußball oft vorkommen, ist nichts Neues. Die Inzidenz im Herrenfußball wird auf 4-19 % und bei den Frauen auf 2-14 % geschätzt.1   Im Profifußball hat sich herausgestellt, dass einer von fünf Spielern während der Saison Leistenbeschwerden bekommt, die dafür sorgen, dass der Spieler über einen bestimmten Zeitraum nicht einsetzbar ist. Leistenbeschwerden werden laut dem ‘Doha agreement’2  eingeteilt in: auf den Adduktor bezogen, auf den Leistenkanal bezogen, auf den Iliopsoas bezogen und auf das os pubis bezogen. Zudem können Leistenbeschwerden auch auf die Hüfte bezogen sein oder andere Ursachen haben. In Zweidrittel der Fälle geht es hier um auf den Adduktor bezogene Leistenbeschwerden.3  Es hat aber den Anschein, als ob das Risiko, Leistenbeschwerden zu entwickeln in der Vorbereitung auf eine Saison doppelt so groß ist als während der Saison. Außerdem wissen wir, dass Leistenverletzungen nicht durch Ruhe verschwinden. Viele Spieler, die mit Leistenverletzungen in die Sommerpause gehen, haben in der Vorbereitung erneut Probleme mit der Leiste. Dies betont die Wichtigkeit von guten präventiven Trainingsprogrammen sowie des progressiven Aufbaus der Belastung in der Vorbereitungsphase.4 

Was kann man dagegen tun?
Es hat sich herausgestellt, dass geringe Kraft der Adduktoren ein wichtiger Risikofaktor für auf Adduktoren bezogene Schmerzen in der Leistengegend ist. Deshalb wurde das ‘Adductor Strengthening Programme’ entwickelt. Dieses Programm basiert sich auf der effektiven ‘Copenhagen Adductor’ Übung – eine Übung, die sich jedoch in der Praxis für viele Spieler als zu schwer herausgestellt hat, ganz sicher im Falle von vorhandenen schmerzhaften Beschwerden. Das ‘Adductor Strengthening Programme’ besteht daher aus verschiedenen Niveaus (siehe hier). Niveau 1 ist die Side-lying Hip Adduction, Niveau 2 ist die Copenhagen Adductor Übung mit einem kürzeren Lastarm (festhalten am Knie) und Niveau 3 ist die originale Copenhagen Adductor Übung. 

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Spieler müssen auf dem höchstmöglichen Niveau trainieren. Hier gilt ein maximal erlaubtes Schmerzergebnis eines NPRS 3 auf einer Skala von 0 bis einschl. 10. Falls der Schmerz höher ist, muss auf einem niedrigeren Niveau trainiert werden. Die Empfehlung lautet: nach untenstehendem Schema die Belastung steigern. Diese Übungen können vorzugsweise beim Warming-up ausgeführt werden.

Tabelle 1 Protocol Adductor Strengthening Programme

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Das Trainingsprogramm hat sich bei männlichen Profifußballern als sehr effektiv erwiesen. Das Risiko von Leistenbeschwerden wurde 41 % weniger eingeschätzt, wenn dieses Programm absolviert wird. Dazu muss gesagt werden, dass die konsequente Durchführung des Programms von entscheidender Bedeutung ist. Zudem wird empfohlen, das Programm in das  FIFA 11+ Programm zu integrieren.5  

Jetzt anfangen!
Obwohl die Untersuchung im Bereich Profifußball für Männer durchgeführt wurde, kann man annehmen, dass das ‘Adductor Strengthening Programme’ bei Fußballspielern und Fußballspielerinnen anderer Niveaus auch effektiv sein kann. Da die Vorbereitung auf die neue Saison angefangen hat, ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, mit dem Programm zu arbeiten. Mit weniger als 5 Minuten pro Session kann ein deutlicher Unterschied in der Zahl der Leistenverletzungen während einer Saison auftreten. Das Programm müsste somit einen Standardplatz in den Trainings nach obengenanntem Schema haben. Konsistenz und gute Ausführung der Übung sind hierbei von entscheidender Bedeutung. Ein Übungsprogramm kann ja schon einen großen Unterschied ausmachen!

Waldén, M., Hägglund, M., & Ekstrand, J. (2015). The epidemiology of groin injury in senior football: a systematic review of prospective studies. British journal of sports medicine, 49(12), 792–797. https://doi.org/10.1136/bjsports-2015-094705
2  Weir A, Brukner P, Delahunt E, et al Doha agreement meeting on terminology and definitions in groin pain in athletes British Journal of Sports Medicine 2015;49:768-774
3  Mosler, A. B., Weir, A., Eirale, C., Farooq, A., Thorborg, K., Whiteley, R. J., Hӧlmich, P., & Crossley, K. M. (2018). Epidemiology of time loss groin injuries in a men's professional football league: a 2-year prospective study of 17 clubs and 606 players. British journal of sports medicine, 52(5), 292–297. https://doi.org/10.1136/bjsports-2016-097277
3  Esteve, E., Rathleff, M. S., Hölmich, P., Casals, M., Clausen, M. B., Vicens-Bordas, J., Pizzari, T., & Thorborg, K. (2020). Groin problems from pre- to in-season: a prospective study on 386 male Spanish footballers. Research in sports medicine (Print), 1–7. Advance online publication. https://doi.org/10.1080/15438627.2020.1860044
4  Esteve, E., Rathleff, M. S., Hölmich, P., Casals, M., Clausen, M. B., Vicens-Bordas, J., Pizzari, T., & Thorborg, K. (2020). Groin problems from pre- to in-season: a prospective study on 386 male Spanish footballers. Research in sports medicine (Print), 1–7. Advance online publication. https://doi.org/10.1080/15438627.2020.1860044
5  Harøy, J., Clarsen, B., Wiger, E. G., Øyen, M. G., Serner, A., Thorborg, K., Hölmich, P., Andersen, T. E., & Bahr, R. (2019). The Adductor Strengthening Programme prevents groin problems among male football players: a cluster-randomised controlled trial. British journal of sports medicine, 53(3), 150–157. https://doi.org/10.1136/bjsports-2017-098937

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