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Soccerdoc
Sep 13, 2021

Verletzungen der Hamstring-Muskulatur: Können wir ihnen vorbeugen?

Erkennen Sie dieses Bild? Sie schauen sich ein Fußballspiel an und sehen, wie ein Spieler bei einem Sprint an seine Hamstring-Muskulatur fasst. Alle halten den Atem an ... wieder ist es passiert. Akute Verletzungen der Hamstring-Muskulatur gehören mit einer Inzidenz von 0,3 bis 1,9 pro 1000 Fußballverletzungen zu den häufigsten Verletzungen im Fußball. 
Außerdem beträgt die Rezidenzwahrscheinlichkeit 4-63%. 1 Wir wissen inzwischen, dass ein Spieler umso länger ausfällt, je häufiger ein Rezidiv vorkommt. 2 Das ist sowohl ärgerlich für den Spieler (der seinen Lieblingssport nicht ausüben kann), als auch für den Trainer und den Verein, da bewiesen ist, dass mehr Verletzungen zu weniger Teamerfolgen führen. 3

Risikofaktoren
Wegen der hohen Inzidenz und Rezidivgefahr ist es wichtig, sich die Risikofaktoren anzuschauen. Schließlich ist es besser vorzubeugen als zu genesen. Diese Risikofaktoren werden in beeinflussbare und nicht beeinflussbare Risikofaktoren unterteilt. Die signifikantesten nicht beeinflussbaren Risikofaktoren sind ein höheres Alter und eine frühere Verletzung der Hamstring-Muskulatur auf derselben Seite. In diesem Blog konzentrieren wir uns weiter auf die beeinflussbaren Risikofaktoren. 
Eine Disbalance der Kraft zwischen der Hamstring-Muskulatur und den Quadrizeps wird schon lange als Risikofaktor betrachtet. Aktuell gibt es einen konfliktären Nachweis dafür, dass eine stärkere maximale Kraft der Quadrizeps gegenüber der Hamstring-Muskulatur das Risiko von Verletzungen der Hamstring-Muskulatur erhöht. Es ist anzunehmen, dass die großen Kräfte der Quadrizeps (Flexion Hüfte und Extension Knie) durch die Hamstring-Muskulatur zum Beispiel bei Sprints nicht effektiv genug aufgefangen werden können. Allerdings sind die Nachweise für die zugrundeliegende Rationalität noch unzureichend.
Müdigkeit gilt als ein Risikofaktor für Verletzungen der Hamstring-Muskulatur. Das liegt unter anderem daran, dass die Inzidenz von Verletzungen der Hamstring-Muskulatur am Ende der ersten und zweiten Hälfte höher ist. Untersuchungen zeigen, dass sich die maximale exzentrische Kraft der Hamstring-Muskulatur während des Wettkampfverlaufs verringert und die Disbalance zwischen der Hamstring-Muskulatur und den Quadrizeps (H:Q ratio) zunimmt. Das klingt wahrscheinlich, doch auch dieser Zusammenhang mit dem Entstehen von Verletzungen der Hamstring-Muskulatur konnte noch nicht deutlich nachgewiesen werden.  4
Dass ein Vornüberkippen des Beckens in Zusammenhang mit Verletzungen der Hamstring-Muskulatur steht, ist eine relativ neue wissenschaftliche Einsicht. Es wird angenommen, dass ein stärkeres Vornüberkippen des Beckens zu einer größeren Zugkraft auf den Musculus biceps femoris führt. Aus der Praxis betrachtet scheint dies eine wertvolle Ergänzung für eine Revalidierung und/oder präventive Maßnahmen zu sein.

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Was kann man dagegen tun?
Statisches Dehnen, dynamisches Dehnen, Stabilitätstraining, Krafttraining sind allesamt Beispiele von Interventionen, die bei der Behandlung und/oder Prävention von Verletzungen der Hamstring-Muskulatur bei Fußballern zum Einsatz kommen. Die Verringerung der Risikofaktoren – zum Beispiel durch Verbesserung der Beckenstabilität – könnte möglicherweise zu einer Verringerung des Risikos von Verletzungen der Hamstring-Muskulatur führen. Doch was ist wirklich bewiesen? Genau wie die Risikofaktoren sind auch die möglichen Interventionen noch nicht erschöpfend erforscht. Es ist jedoch deutlich, dass die ‚‚Nordic Hamstring“-Übung einen nachgewiesenen Effekt auf die Verringerung der Gefahr von Verletzungen der Hamstring-Muskulatur bei verschiedenen Sportarten auf verschiedenen Ebenen hat. 5 Wichtig zu beachten ist hierbei, dass Konsistenz bei der Ausführung des Programms essentiell ist. Die Übung muss vor und nach dem normalen Fußballtraining nach dem untenstehenden Schema ausgeführt werden.  

Tabelle 1 Nordic Hamstring Übungsprotokoll 6
 
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Los geht's!
Die Notwendigkeit für präventives Handeln bei Verletzungen der Hamstring-Muskulatur ist in Anbetracht der hohen Inzidenz und Rezidivgefahr deutlich. Obwohl die Literatur bezüglich vieler Fragen zu Verletzungen der Hamstring-Muskulatur nicht immer Klarheit verschafft, ist dies bei der Prävention durchaus der Fall. Die „Nordic Hamstring“-Übung verringert bei konsistenter und guter Ausführung die Gefahr von Verletzungen der Hamstring-Muskulatur. Die Zukunft wird zeigen, welche anderen präventiven Maßnahmen ergriffen werden können, denn die Hamstring-Muskulatur wird Praxis und Wissenschaft noch lange beschäftigen. 

1   Diemer, W. M., Winters, M., Tol, J. L., Pas, H., & Moen, M. H. (2021). Incidence of Acute Hamstring Injuries in Soccer: A Systematic Review of 13 Studies Involving More Than 3800 Athletes With 2 Million Sport Exposure Hours. The Journal of orthopaedic and sports physical therapy, 51(1), 27–36.
2   Ekstrand J, Krutsch W, Spreco A, et al Time before return to play for the most common injuries in professional football: a 16-year follow-up of the UEFA Elite Club Injury Study British Journal of Sports Medicine 2020;54:421-426.
3   Hägglund M, Waldén M, Magnusson H, et al Injuries affect team performance negatively in professional football: an 11-year follow-up of the UEFA Champions League injury study British Journal of Sports Medicine 2013;47:738-742.
4   Silvers-Granelli, H. J., Cohen, M., Espregueira-Mendes, J., & Mandelbaum, B. (2021). Hamstring muscle injury in the athlete: state of the art. Journal of ISAKOS : joint disorders & orthopaedic sports medicine, 6(3), 170–181.
5   Al Attar, W., Soomro, N., Sinclair, P. J., Pappas, E., & Sanders, R. H. (2017). Effect of Injury Prevention Programs that Include the Nordic Hamstring Exercise on Hamstring Injury Rates in Soccer Players: A Systematic Review and Meta-Analysis. Sports medicine (Auckland, N.Z.), 47(5), 907–916. 
6   van der Horst, N., Smits, D. W., Petersen, J., Goedhart, E. A., & Backx, F. J. (2015). The preventive effect of the nordic hamstring exercise on hamstring injuries in amateur soccer players: a randomized controlled trial. The American journal of sports medicine, 43(6), 1316–1323.

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